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Reise nach Gumbinnen

Reise nach Gumbinnen (Gussew)

Erste und letzte Reise in die Vergangenheit

Eine Achtzigjährige besucht ihren Geburtsort in Ostpreußen – und entdeckt wenig von dem, was sie in Erinnerung hat.


Gumbinnen/Gussew

Der Elch ist das Wahrzeichen

der Stadt. Und er ist viel mehr als das. Für ihre einstigen Bewohner symbolisiert der Schaufler die so genannten guten alten Zeiten. Jede Besichtigung der Stadt, die heute Gussew heißt, geht von der Skulptur des Elchs aus.

Auch für Eva P.

1922 wurde sie in Gumbinnen geboren und 1944 vom Krieg aus der Stadt getrieben. Am 16. Oktober in jenem Jahr zerstörten die Flugzeuge der Roten Armee das Zentrum. Wenig später wurde es geräumt, die Zivilbevölkerung musste fliehen. Eva Pietsch nahm ihren Vater mir auf die Flucht, die er nicht überlebte.

Jetzt ist sie wieder da

und fühlt sich unsicher dabei. Der Besuch der alten ostpreußischen Heimat ist eine Reise ins Ungewisse. Häufiger schon hat die Achtzigjährige gehört, dass Vertriebene das Gehöft ihrer Vorfahren aufsuchen wollten und es nicht mehr fanden. Bestenfalls Grundmauern waren übrig geblieben. Im Krieg waren viele Bauernhöfe zerstört, dann achtlos zurückgelassen worden. So konnte sich die Natur die Anwesen in all den Jahrzehnten zurückholen. Was also wird noch zu erkennen sein?

Land der dunklen Wälder

und kristallnen Seen,
über weite Felder
Lichte Wunde gehen.

Ein alter Mensch lebt

von seinen Erinnerungen. Begebenheiten aus der Kindheit haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben, die Vergangenheit ist stets präsent, wenn auch meist ein wenig verklärt. So verlangt es Mut, die Stätten der Jugendzeit aufzusuchen. Es ist eine Zeitreise – der Versuch, von den Erinnerungen einen Bogen zur Realität zu schlagen. Die einstigen Plätze und Bauwerke gibt es noch. Doch aus der Sicht eines Heimatvertriebenen ist nichts mehr, wie es einmal war.

Der im Jahr 1911

geschaffene Bronzeabguss des Elchs wurde nach dem Krieg vom Sockel geholt und in die Gebietshauptstadt Kaliningrad, das frühere Königsberg, gefahren. Das schmerzte die Gumbinner so sehr, dass sich 1991 einige Männer aufmachten, um die Skulptur wieder zurück nach Gumbinnen zu bringen. An seinem einstigen Platz vor dem Kaiserhof, dem größten Hotel der Stadt, hatten die Sojets inzwischen die Büste von Sergej Ivanowitsch Gussew aufgebaut. Der im Krieg gefallene Hauptmann gab der Stadt seinen Namen. So fand der Elch seinen neuen Standort an der Ecke Königstraße/Sodaikerstraße.

Die Russen haben all die Straßen

zwar umbenannt, doch wie viele Besucher denkt Eva P. in der alten Namensgebung. Sie führt den Neudruck eines amtlichen Stadtplans von 1936 mit sich und muss sich somit nicht um die Schilder mit den verwirrenden kyrillischen Schriftzeichen kümmern.

Starke Bauern schreiten

hinter Pflug und Pferd,
über Ackerbreiten
streicht der Vogelzug

Rund um Gumbinnen erinnern

vor allem die stattlichen Allen an bessere Tage. Das einst so fruchtbare Land jedoch liegt brach. Seit der Auflösung der Kolchosen vor zehn Jahren gehen nur wenige moderne Traktoren gegen den Wildwuchs auf den riesigen Feldern an. Keine Spur von stattlichen Viehherden. Einzig die zahlreichen Störche mögen sich über diese Idylle freuen.

Gussew ist eine Stadt

ohne Aussicht auf eine blühende Zukunft. Eine Provinzzentrale mit etwa 28.000 Einwohnern in einem Landstrich, der von der russischen Lebensader abgeschnitten ist, weil das Kaliningrad Oblast, das Gebiet Königsberg, eingekesselt ist von Litauen und Polen, die bald zur Europäischen Union gehören. Von den alten Hauswänden bröckelt der Putz, und bei den heutigen Häusern verzichten die Russen gleich ganz auf Putz und Farbe. So sieht es aus, als ob die Menschen in seelenlosen Rohbauten lebten. Ein paar farbig angepinselte Villen gibt es auch, doch hinter deren Mauern vermutet die einfache Bevölkerung ohnehin mafiose Gestalten.

Das Elternhaus von E. P.

steht an der Bussastraße. Die bräunliche Fassade weist noch immer Dutzende Einschusslöcher von Gewehrmunition auf, als lägen die Angriffe der Roten Armee gar nicht so lange zurück. Lediglich das Dach und die Fenster scheinen zwischenzeitlich erneuert. Vor fast neunzig Jahren hat der Vater das Stadthaus errichten lassen. Damals bot es Platz für fünf kleine Wohnungen und eine große Wohnung. Heute wohnen darin vier Familien.

Scheinbar unbeeindruckt

schreitet die Heimkehrerin die zwei Stufen hinauf. Wortlos schaut sie sich um, schüttelt verständnisvoll den Kopf. Allein der Flur. Düster, voller Spinnennetze, verdreckt. Ist er je mit Farbe in Berührung gekommen? Den Bewohnern scheint dies nichts auszumachen. Hinter dem Gebäude verrosten Autowracks, Unkraut hat sich des gesamten Gartens – einstmals der Stolz der Familie – bemächtigt. Auch dies kümmert offenbar keinen.

1965 wurde E. P.

als Erbin des Hauses auf der Grundlage des Lastenausgleichsgesetzes entschädigt. Vom Staat erhielt sie 12.150 Mark, die sie später an die Geschwister verteilte. Damit war der Verlust des Eigentums besiegelt. Wie viele gebürtige Ostpreußen hält sie die Vergangenheit für abgeschlossen. Mit revanchistischen Gedankengut will sie nichts zu tun haben, egal was die Vertriebenenverbände für politisch opportun halten. Sie will sehen, was aus dem elterlichen Hab und Gut geworden ist, um eine Jahrzehnte währende Neugierde zu befriedigen. Damit soll es gut sein.

Von all dem ahnen die Bewohner

von Bussastraße 4 nichts. Sie sind überrascht, dass eine Fremde unangekündigt ihr Haus betritt und mangels Russischkenntnissen per Zeichensprache darum bittet, ihre frühere Wohnung besichtigen zu dürfen. Doch hält die Skepsis nicht lange an. Nach wenigen Minuten bitten sie Eva P. in ihre Wohnstube. Immer mehr Hausbewohner finden sich ein.
Irina holt die guten Gläser aus der Vitrine und putzt sie gewissenhaft mit dem Geschirrtuch. Dann stellt sie eine Karaffe mit selbst gebrannten Schnaps auf den Tisch. Ihre Schwester tafelt auf, was die Küche hergibt: Brot, Tomaten, Gurken, Käse und Wurst. Das Gespräch läuft schleppend, zumal Wladimir S. – der für acht Euro in der Stunde angeheuerte Taxifahrer – kaum in der Lage ist, die Bemerkungen zu übersetzen. Doch der Ton ist überhaus herzlich. So wird gescherzt und getrunken, bis die Karaffe leer ist. Zeit zu gehen.

Wenige Meter vom Elternhaus entfernt

hat Eva P. einst gebadet. Noch heute springen Kinder ins Flüsschen Rominte. Es ist, als sei die Zeit stehen geblieben. Die Rominte mündet in die Pissa, auch dieser Zusammenfluss ist noch ein beliebter Treffpunkt. Der Name Pissa gefiel den Gumbinnern schon im 19. Jahrhundert nicht. Also baten sie König Friedrich Wilhelm IV. um einen neuen Namen. Der meinte, sie könnten den Fluss in Urinocko umtaufen. So blieb es bei Pissa.

Und die Meere rauschen

den Choral der Zeit
Elche stehn und lauschen
in die Ewigkeit

Der einzige öffentliche Ort,

der sozusagen eine Wiedergeburt erfahren hat, ist die Salzburger Kirche. Mit ihrem gelben Anstrich wirkt sie wie eine Insel in der grauen Stadt. Spenden aus dem Kreis der Nachkommen von Salzburger Emigranten haben die Restaurierung und die Wiedereinweihung der Kirche vor sieben Jahren möglich gemacht. Aus westdeutschen Kirchengemeinden wird der Pfarrer, der eigentlich aus Ostfriesland stammt, bei seiner Arbeit unterstützt. Das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Gotteshaus und ein Diakoniezentrum nebenan dienen den zurückgekehrten Russlanddeutschen als Sammelpunkt.

Dort wirkt Helene S.

Sie ist zuständig für die Vergabe der Kleiderspenden aus der Bundesrepublik, die für die Bedürftigen der Gemeinde gedacht sind. Vor drei Jahrhunderten sind ihre Vorfahren aus Karlsruhe nach Russland ausgewandert. Doch Helene S. wurde vertrieben, als Stalin 1941 alle Russlanddeutschen der Kollaboration mit deutschen Truppen verdächtigte und nach Mittelasien verbannte. Erst als die Sowjetunion schließlich zerbröselte, konnte sie aus Kasachstan zurückkehre. Auf nichts legt Helene S. mehr Wert, als Sonntag für Sonntag im Gottesdienst zu sitzen. „Das ist für die Seele!, sagt sie, die eine lange Zeit des Lebens ihren Glauben verheimlichen musste. Auch in der Woche schaut sie ab und zu herein und gibt Besuchern der Kirche hilfreiche Hinweise.

Es sind bedrückende Tage

für Eva P. Sie besucht ihre alte Schule und die Stadtverwaltung, wo sie nach der Ausbildung einige Jahre gearbeitet hat. Die Räume sind nicht wiederzuerkennen. Besonders schmerzt sie, dass das Grab ihrer 1942 verstorbenen Mutter eingeebnet wurde und unauffindbar ist. Der Friedhof ist eingeebnet worden.

Ein weiteres Mal,

das nimmt sie die Achtzigjährige vor, werde sie nicht mehr nach Gumbinnen reisen. Ähnlich ergeht es vielen anderen Heimatvertriebenen. Wer aber bewahrt das Andenken an die Vergangenheit der Stadt, wenn sich keiner mehr um sie kümmert?

Quelle:

Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung, 09.11.2002

Den Originalartikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 09.11.2002 könnt Ihr hier einsehen: Reisebericht Gumbinnen. Da der Originalartikel zu groß für den Scanner war, musste ich das dazugehörende Bild "abtrennen":

Gumbinnen/Gussew




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